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Töne | Sounds | 巴生

Hier siehst du eine Liste meiner schönsten Geräusche. Die schönsten Töne meiner letzten Jahre. Zu jeder Aufnahme gibt es eine Geschichte. Ich kann sie dir erzählen, oder du stellst dir selbst deine vor. Ein Geräusch befindet sich immer in der Vergangenheit. Wenn wir zurückblicken und es hören, holen wir es wieder in die Gegenwart. Das finde ich schön.


Eine der schönsten Mischungen von Klängen und Geräuschen sind Bahnhofsansagen. Meist beginnen sie mit einer charakteristischen Melodie. Geübte Bahnreisende kennen sie vielleicht auswendig. Die Melodie von Budapet Keleti vielleicht, oder jene der Pariser Bahnhöfe. Oft sind sie mit Erinnerungen verbunden, weil man am Bahnhof auf jemanden gewartet hat. Und dann kommt die charakteristische Ansage. Was kommt zuerst? In welchen Sprachen? Bahnhofsansagen laden im besten Fall zu Beziehungen ein. Wer sie später hört, wird sich daran erinnern. Ich bin bei dieser Aufnahme zu meinen Eltern aufs Land gefahren, wo mich meine Kinder auch erwartet haben. (2018)


Ganz in der Früh kommen die Wissenschaftler zum Gänsezählen. Bevor die Gänse aufstehen. Es ist noch dunkel, man fröstelt. Ein Lichtstreifen am Horizont kündigt den Tag an, und wenn mit zunehmender Helligkeit das Licht und zumindest gefühlt auch etwas Wärme kommt, fliegen die Gänse in Gruppen von ihren Schlafplätzen davon. Sie fliegen schnatternd über unsere Köpfe. Was für ein Leben, das man nicht kennt, wäre man wo anders. Im Bett. (2014)


Das Warten am Bahnübergang ist das Genießen geschenkter Zeit. Schon vor dem Senken des Schrankens kündigt sich diese Zeitspanne an, durch eine Glocke, die verstummen wird, wenn der Schranken die Straße versperrt. Dann wird es still. Man steht da, und denkt nach, weiß, dass nichts in der Welt die kommende Minute verändern würde, verkürzen. Während man auf diese Weise ruhig wird, kommt bald der Zug. Man sieht die Menschen, man freut sich, dass das Warten nun ein Ende hat. Und wenn der Schranken wieder hoch geht, geht auch die Zeit wieder weiter. (2014)


Die Baltischen Staaten machten in den Jahren nach der Loslösung von der Sowjetunion einen Wandel durch. Überall war Aufbruchstimmung. Die Menschen erinnern sich drei Jahre nach Beginn der Unabhängigkeit noch an die Besetzung durch das Militär. Die Wirren. Die Sorgen. Die Hoffnung, wie sich alles entwickeln wird. Intellektuelle, die früher Dissidenten waren, übernehmen wichtige Rollen im Staatsgefüge. Dazwischen entwickelt sich das öffentliche Leben, Touristen aus Westeuropa kommen. Vielleicht hat es diese Straßenmusikanten immer schon gegeben, doch was sie heute spielen, höre auch ich. (1994)


Es ist immer wieder schön, wenn viele Menschen an einem Ort leben, und sich nicht nur den Ort am Boden, sondern auch den Luftraum teilen. Wenn es mehrere Religionen gibt, dann fällt das leichter auf. Gamelan Musik, Glocken, der Ruf des Muezzins. In der Erinnerung mischen sich zum Klang der Gegend auch die Gerüche. Und die seltsame Stimmung, wenn sich die tieffliegenden Wolken verzogen haben, und die Sonne auf den See leuchtet. Die bunten Farben der Vorbeiziehenden, der Rhythmus der Glocken. Das Grün überall. Und später dann auch die Vielzahl an krachenden und stinkenden Mopeds. (2010)


Wer am späten Abend an einem Wochenende in einem Intercity irgendwo zwischen Leoben und Salzburg fährt, wird sich schnell einmal ein wenig einsam fühlen. Es ist kaum jemand im Zug. Die Sonne ist schon lange untergegangen. Eigentlich ist nichts zu tun. Dann und wann huscht die Schaffnerin im Gang vorbei - und dann und wann kündigt sie den nächsten Halt an. Ein Gesang ist ihre Ankündigung der nächsten Zukunft. Eine Begegnung. Für wie viele Menschen wohl hier in diesem Zug? (2013)


Der Anfang der Fahnenstange ist jene Gegend, die man noch leicht erreichen kann. Kommunale Fahnenstangen haben die Eigenschaft, dass sie in der Gegend des Rathauses stehen, und man oft an ihnen vorbeikommt. Man erfährt dabei, wie es ihnen geht. Oft sind sie still. Doch wenn der Wind geht, dann klingen sie. Das gibt den Groove, das gibt den Rhythmus. Man kann sich darüber freuen, man kann ihn hinnehmen, oder man kann ihn einfach akzeptieren. Oder mit ihr leben. Muss man ja auch. Ein Loblieb kann man singen auf den Anfang einer Fahnenstange. (2012)


Die Schienen der Eisenbahnen sind ja mittlerweile überall so verbunden, dass es keine Lücken mehr gibt. Folglich gleiten die Räder der Bahn über die Schienen, ohne einen Rhythmus zu verursachen. Wer genau diesen Rhythmus aber gerne hat, weil er das Gefühl des Bahnfahrens vermittelt, findet (oder fand) ihn an einer Bahnstrecke auf dem Weg nach Bergen. Da gibt es in Myrdal eine Stichbahn hinunter nach Flåm, und auf dieser Strecke erzählt das Tack-Tack der Eisenbahn über die Geschwindigkeit, die Kurven. Was die Erinnerung ergänzt ist die Aussicht und die Reisebegleitung, die man zu dieser Zeit so sehr geliebt hat. (1994)


Die Glocken aus dem russisch-orthodxen Kloster "Uusi Valaomo" in der Mitte Finnlands waren mein Einstieg ins Radiohandwerk. Und sie sind immer noch ein ständiger Begleiter, weil ich nun schon ein paar mal an diesem Ort wieder war. Auch später mit den Kindern - wieder arbeitend als Tellerwäscher, und immer wieder diese Glocken, die sich in den letzten zwanzig Jahren auch verändert haben. Die Melodie wird nicht aufgeschrieben, sie wird im Kopf der Glockenläuter (Sakristane genannt) weitergegeben. Manchmal kommt auch ein Glockenlehrer aus Italien, doch der ist 2019 ausgeblieben. Dann muss man selbst weiterentwickeln. Diese Aufnahme ist der Stand von ca. 1994. Wer wissen will, wie die Glocken heuer klingen, fährt einfach hin. (1994)


Gemeinsam Musik machen. Regelmäßige Proben. Unterschiedliche Instrumente. Wer aufnimmt, muss herumgehen zwischen den Menschen mit ihren Tüten, Blasen und Röhren, er muss sein Mikrofon hinein und hinabstrecken, dazwischenhalten und darüber. Dreidimensional ist alles, was auf einem Stereomikrofon zweidimensional immerhin abgebildet wird. Die einen spielen gut, die anderen besser. Diese Aufnahme entstand zu einer Radiosendung über die Blasmusik in Österreich, sie entstand in Eisenerz, wo sonst eigentlich nicht so viel los ist und sonst nur Mopeds mit ihren Auspuffen durch das Zentrum röhren. (2013)


Die Linie 18 ist eine besondere Straßenbahnlinie in Wien. Sie verband den Südbahnhof mit dem Westbahnhof. Verbindet immer noch, aber der Südbahnhof wurde zum Hauptbahnhof und der Westbahnhof unbedeutend. Die Linie 18 ist ein Verbindungsweg zwischen Bezirken und Kulturen. Sie verläuft teils unter der Erde, teils über der Erde. Immer wieder steigen Reisende aus- oder zu, die zwischen den Bahnhöfen pendeln oder verlorengehen oder verloren gegangen sind. In diesem Fall bei dieser Aufnahme eine Gruppe Italiener. Was sie sagen, verstehe ich nicht. Ich mag aber den Klang Italiens im Herzen Wiens. (2013)


Privilegiert ist jener, der an einem Ort wohnt. Der nicht nur einmal vorbeikommt und alles hinnehmen muss, wie es ist, und wie es klingt. Wer täglich vorbeikommt wird eine Änderung bemerken, an dieser Rolltreppe. Sie klapperte ganz leise, jetzt stark und rhythmisch. Irgendwas hat sich verändert. Die Gegend um die Rolltreppe – beim Karsplatz in Wien – wurde damit zum Indurstiregebiet, ein Industrieklang ist entstanden. Metallisch rätselhaft. Weg von der Stille des leisen Transits. (2013)


Es gibt ein kleines Museum irgendwo in Litauen, in Kleipeda. Mit schönen Parkettböden und erlesenen antiken Gegenständen. Darunter eine Uhr. Eine Spieluhr. Sie spielt dieses Lied. Wie oft sie das getan hat, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass es Menschen gibt, die diese Melodie lieben. Die sie gebaut, komponiert, die Uhr repariert haben. Die sie öfter schon gehört haben, als ich. Zweimal nämlich. Beim ersten Mal erkannt - beim Zweiten Mal für eine Radiosendung aufgenommen. Und jetzt ist sie da, die Melodie, und bleibt. (1995)


Physik hat seinen eigenen Klang. Ein ganzes Haus voller Physik ist also ein ganzes Haus voller Klänge. In Winterthur hat man das Technische Museum aufgelöst, es ist keine Sammlung mehr, sondern es ist ein Stationenbetrieb mit 100 Experimenten. Dingen, mit denen man spielen kann. Vieles ist still, und manches funktioniert mit Ton. Das Reden über große Entfernungen mit Hilfe von Schalltrichtern. Der Ton dieses aufgenommenen Instrumentes ist reines Beiwerk. Er entsteht bei Drehen eines Kreisels. Und er erzählt über den Zustand des Kreisels. Es war ein schöner Ausflug dorthin nach Winterthur mit den Kindern. Sehr zu empfehlen. (2013)


Das Rauschen eines Meeres kann ja gehörig auf die Nerven geht. Weil es laut ist, stark und unbarmherzig. Wer aber in den Wochen zuvor auf dem Landweg an die Küste gereist ist mit der Bahn, der freut sich genau auf dieses Rauschen. Ob es wohl Menschen gibt, die das Meer erkennen, die Küste? Am Klang? Ist da nicht auch das Wetter und die momentane Bedingung wichtig, wie das Meer heut klingt? Ich habe das Meer in Dieppe in Frankreich mit nach Hause gebracht. Nicht den Sand, nicht den Wind, nicht den Geschmack des Salzes, sondern den Klang. (2013)


Das ist einer meiner größten, schönsten, bemerkenswertesten gesammelten Klänge. Er ist in der Stille entstanden, in einer Nacht an einem Ort nördlich des Polarkreises, im Winter. Niemand ist da draußen um diese Zeit in Sodankylä, aber der Zebrastreifen macht mit seinen Ampeln und Geräuschgebern Leben in die Stille. Die eine Seite kommuniziert mit der anderen. Gemacht für Blinde, die das Dunkle nicht sehen. Oder das Helle, ist hier egal. Das Geräusch des Zebrastreifens ist zwischen den Ampeln wie ein Ping-Pong-Spiel, das der Platz hier spielt mit seinen Elementen. Und es zeigt, wie die Wissenschaftler des Geophysikalischen Institutes hier arbeiten, um das Nordlicht zu erforschen, die Atmosphärenphysiker, sie schicken Strahlen in den Weltraum, und sie empfangen Strahlen, und was davon dann fehlt, erzählt ihnen eine Geschichte von der Situation dazwischen zwischen Himmel und Erde. (2006)


In Indonesien ist viel Leben. Sobald die Sonne untergeht und davor. Wer das nicht gewöhnt ist, ist vielleicht manchmal ein bisschen verzagt, wenn er auf der Terrasse sitzt am Wohnort eines Freundes, der eingeladen hat, vorbeizukommen. Man kommt früher nach Hause als der Freund und wartet auf seiner Terrasse in der Dunkelheit, und da kommt auch der Gecko vorbei und erzählt. Was genau, ist nicht zu verstehen. Vielleicht sagt er einfach seinen Namen. Gecko! Gecko, Gecko! (2011)


Monitore als Anzeigetafeln sind bequem für die Betreiber. Aber so richtig toll sind klappernde Anzeigetafeln, die die Verbindungen der Züge am Bahnhof anzeigen. Die sich verändern, die Rattern, neu gestalten, alles zeigen. Was für ein Leben. Und gerne wartet man am Bahnhof lange auf den nächsten Zug. Eine meiner schönsten Aufnahmen und Reisezustände. (2013)


Wir haben in Schottland auf einem Öko-Bauernhof mitgeholfen. Mitgearbeitet für Kost und Quartier. Emma und Adam waren dabei. Sie haben gesungen. Ein weiterer Student war zuhause mit seiner Gitarre. Eine Einsiedlerin hat eingeladen. Darunter das Loch, der See. Wir fuhren mit dem kleinen Lastwagen in der Wiese und sammelten Farn, das mit diesem Arbeiterlied gleich viel besser verlief. Die Kinder saßen am Wagen auf dem Farn, um ihn hinunterzudrücken. Wo kann man bloß so schöne Lieder lernen, liebe Emma, lieber Adam? Wer ihr seid, weiß ich nicht mehr, aber wir hatten eine wirklich schöne Zeit mit Euch. (2008)


Der Markt. Billiger-billiger-billiger heißt es am Naschmarkt in Wien, auf Deutsch. In einer anderen Sprache geht es in Brüssel zur Sache, beim Markt am Bahnhof. Keine Ahnung, welche Sprache, denn so oft ist man nicht in Belgien. Französisch, Flämisch? Könnte man nachschauen. Aber der Klang dieser Marktverkäufer ist charakteristisch wie eine belgische Briefmarke - passt nur hierher, hierhin. (2013)